Jusup Abdrachmanow

Jusup Abdrachmanow (1901-1938) prägte die sowjetisch-kirgisische Staatlichkeit und leitete als Erster die Regierung der Kirgisischen ASSR. Sein Leben verbindet die Entstehung der Republik, Konflikte mit Moskau und den Großen Terror.

Warum Jusup Abdrachmanow wichtig ist

Abdrachmanow gilt als einer der Begründer der modernen kirgisischen Staatlichkeit, weil er sich für eine eigene territoriale Autonomie der Kirgisen einsetzte und später die erste Regierung der Kirgisischen ASSR leitete. Er schuf diesen Staat nicht allein. Abdykerim Sydykow, Imanaly Aidarbekow, Abdykadyr Orosbekow, Kasym Tynystanow, Ischenaly Arabajew und viele andere waren an demselben schwierigen Prozess beteiligt.

Drei Linien bestimmen seine politische Laufbahn. Er wollte die nördlichen und südlichen kirgisischen Gebiete in einer Verwaltungseinheit zusammenführen. Für die Autonomie verlangte er eine gerechtere wirtschaftliche Stellung innerhalb der Russischen Republik und der Sowjetunion. Als die staatliche Beschaffung von Getreide und Vieh Anfang der 1930er Jahre die Lebensgrundlage der Bevölkerung bedrohte, versuchte er außerdem, die Folgen dieser Politik zu begrenzen.

Issyk-Kul, Urkun und die Rote Garde

Jusup, dessen Name im heutigen Kirgisischen meist Schusup geschrieben wird, kam im Dezember 1901 auf dem Winterlager Tschirkei im Kreis Prschewalsk zur Welt. Offizielle Quellen nennen überwiegend den 28. Dezember, einige Biografien den 21. Dezember. Jahr und Ort gelten als gesichert, der genaue Tag bleibt umstritten.

Von 1911 bis 1916 besuchte er eine russisch-einheimische Schule in Sasanowka, dem heutigen Ananjewo, anschließend die höhere Grundschule in Karakol. Der Urkun von 1916 beendete seine Schulzeit. Nach der Niederschlagung des Aufstands floh seine Familie mit Tausenden Bewohnern der Issyk-Kul-Region über die Berge nach China. 1917 kehrte er zurück, nachdem er Eltern und nahe Verwandte in den Wirren verloren hatte.

Mit siebzehn Jahren trat Abdrachmanow der Roten Garde bei. Danach besuchte er Kommandeurskurse in Werny, dem heutigen Almaty. Der Weg vom Schüler und Flüchtling zum bewaffneten Revolutionär war ein Produkt des Bürgerkriegs: die neue Verwaltung beförderte junge Männer, die Russisch sprachen und bereit waren, in kaum aufgebauten Institutionen Verantwortung zu übernehmen.

Vom Komsomol zum Projekt einer Autonomie

1919 und 1920 rückte Abdrachmanow in die Führung der Komsomol-Organisationen von Semiretschje und Turkestan auf. Bereits Anfang zwanzig bekleidete er verantwortliche Parteiposten in Almaty, Taldykorgan, Karakol und Pischpek. 1924 wurde er Mitglied des Präsidiums und Exekutivsekretär des Zentralen Exekutivkomitees der Turkestanischen ASSR.

Diese schnelle Karriere machte ihn nicht zu einem unabhängigen Staatsmann. Die Kommunistische Partei kontrollierte die Ernennungen, und Pläne für eine Autonomie mussten durch die Institutionen Turkestans, Sowjetrusslands und der Unionszentrale. Innerhalb dieses Rahmens stritten lokale Führungskräfte jedoch über Grenzen, Haushalt, Status und Verwaltung. Abdrachmanow setzte sich konsequent für eine eigene kirgisische Gebietseinheit ein.

Mitglieder des kirgisischen Büros der Kommission für die national-territoriale Abgrenzung im Jahr 1924

Das Archivfoto von 1924 zeigt das kirgisische Büro der Kommission für die national-territoriale Abgrenzung. Solche Kommissionen überführten das ehemalige Russisch-Turkestan in ein System sowjetischer Republiken und Autonomien. Die Linien auf der Karte entschieden über Städte, Weiden, Wasser, Straßen und künftige Verwaltungszentren.

Wie die kirgisische Autonomie entstand

Ein früher Entwurf für ein kirgisisches Berggebiet scheiterte zu Beginn der 1920er Jahre. Eine neue Gelegenheit bot die national-territoriale Neuordnung Zentralasiens. Am 14. Oktober 1924 bestätigte das Allrussische Zentrale Exekutivkomitee das Kara-Kirgisische Autonome Gebiet innerhalb Sowjetrusslands. 1925 entfiel der Zusatz „Kara“, im Februar 1926 wurde das Gebiet zur Kirgisischen Autonomen Sozialistischen Sowjetrepublik.

Teilnehmer der Turkestan-Kommission für die national-territoriale Abgrenzung im Jahr 1924

Das war noch keine Unionsrepublik und erst recht kein unabhängiger Staat. Die Autonomie blieb Teil Sowjetrusslands und der zentralen Parteiherrschaft unterworfen. Sie erhielt jedoch eigene Verwaltungsorgane und einen territorialen Rahmen. Aus diesem Rahmen ging 1936 die Kirgisische Sozialistische Sowjetrepublik hervor.

Regierungschef mit 26 Jahren

Am 12. März 1927 bildete die erste Sitzung des Zentralen Exekutivkomitees der Kirgisischen ASSR einen Rat der Volkskommissare. Der sechsundzwanzigjährige Abdrachmanow wurde dessen Vorsitzender. „Regierungschef“ ist die verständlichste heutige Entsprechung, obwohl sich die tatsächliche Macht auf Regierung, Exekutivkomitee und Parteiführung verteilte.

Das erste Präsidium des Zentralen Exekutivkomitees der Kirgisischen ASSR im Jahr 1927

Die Regierung musste Institutionen aufbauen und zugleich akute Engpässe bewältigen. Es fehlte an Fachkräften, Schulen, Gesundheitsstationen, Straßen und Kommunikation. Ein großer Teil der Bevölkerung lebte nomadisch oder halbnomadisch, während Pläne aus Moskau Klima, Weidezyklen und die Entfernungen zwischen den Tälern oft nur unzureichend berücksichtigten.

Wirtschaft, Sprache und lokale Fachkräfte

Unter Abdrachmanow förderte die Regierung eine Bahnstrecke von Pischpek nach Tokmok mit späterer Verlängerung zum Issyk-Kul, einen Fleischverarbeitungsbetrieb in Pischpek, eine Zuckerfabrik in Kant und Bewässerungsprojekte im Tschüi-Tal. Nicht jeder Plan wurde während seiner Amtszeit verwirklicht, und kein Projekt war die Leistung eines einzelnen Politikers. Sein Beitrag lag darin, Prioritäten zu setzen, mit Unionsbehörden zu verhandeln und Investitionsanträge der Republik zu vertreten.

Ebenso wichtig war die Indigenisierung der Verwaltung. Abdrachmanow unterstützte die Ausbildung einheimischer Fachkräfte, Kirgisischunterricht für Beamte und die schrittweise Verwendung der Sprache in der Amtsarbeit. Diese Politik war praktisch und politisch zugleich. Ohne Lehrer, Agronomen und Verwaltungsmitarbeiter, die mit der Bevölkerung sprechen konnten, wäre die Autonomie kaum mehr als ein Schild über einem von außen besetzten Apparat geblieben.

Abdrachmanow beschäftigte sich auch mit kirgisischer Geschichte. 1928 erschien seine Arbeit „Kirgisistan“, zudem schrieb er über den Aufstand und die Flucht von 1916. Nur wenige Regierungschefs versuchten gleichzeitig, die Geschichte eines Volkes zu beschreiben, dessen Verwaltungsgebiet gerade erst entstand.

Die Hungersnot von 1932-1933 und Vertriebene aus Kasachstan

Kollektivierung und außerordentliche staatliche Beschaffung zerstörten ländliche Wirtschaften in weiten Teilen der Sowjetunion. Massensterben und Viehverluste in Kasachstan zwangen Familien zur Flucht in benachbarte Republiken. Kirgisische Archive dokumentieren vertriebene kasachische Gruppen am Bahnhof Pischpek und in ländlichen Bezirken sowie Kommissionen und Anordnungen zur Hilfe für Kinder und Erwachsene.

Abdrachmanow verlangte eine Reduzierung unerfüllbarer Beschaffungspläne und genehmigte, einen Teil der geschützten Getreidereserve für Nahrungsmittelhilfe einzusetzen. Die spätere Erinnerung verdichtet diesen Vorgang manchmal zu einem einzigen heroischen Befehl, der angeblich eine ganze Republik rettete. Die Dokumente zeigen eine schwierigere Wirklichkeit: seine Regierung verteilte knappe Vorräte, stritt mit Parteiorganen und setzte gleichzeitig Teile der allgemeinen Beschaffungspolitik um.

Ein wesentlicher Unterschied bleibt dennoch erkennbar. Wo die Planerfüllung den Betrieben Saatgut, Getreide und Vieh genommen hätte, stellte Abdrachmanow das Überleben und die wirtschaftliche Grundlage über eine Prozentzahl im Bericht. 1933 wurden diese Entscheidungen Teil des politischen Verfahrens gegen die Führung der Republik.

Briefe an Stalin und ein privates Tagebuch

Im April 1930 schickte Abdrachmanow Stalin eine ausführliche Denkschrift über die Lage der Kirgisischen ASSR. Er argumentierte, dass die zersplitterte Zuständigkeit verschiedener Behörden die wirtschaftliche und kulturelle Entwicklung behindere, und stellte die Umwandlung der Autonomie in eine Unionsrepublik zur Diskussion. Der Brief zeigt seine politische Sprache genauer als spätere Parolen. Er widersprach der Zentrale als sowjetischer Funktionär, mit Plänen, Gutachten und der Logik des Systems selbst.

Archivporträt von Jusup Abdrachmanow aus dem Jahr 1927

Eine noch seltenere Quelle ist sein privates Tagebuch aus den späten 1920er und frühen 1930er Jahren. Notizen über Getreide, Personal und Parteikonflikte stehen neben Zweifeln an Stalins Politik, Einsamkeit und Gefühlen für die Ökonomin Maria Natanson. Das Tagebuch bringt einen lebenden Menschen in eine öffentliche Erinnerung zurück, die sonst oft nur ein bronzenes Porträt übrig lässt.

Die Handschrift gelangte zu Parteiermittlern und wurde gegen den Autor verwendet. Im Verhör bestätigte Abdrachmanow seine Urheberschaft, wies aber die Behauptung zurück, einer geheimen nationalistischen Organisation anzugehören. Die virtuelle Ausstellung des kirgisischen Archivdienstes vereint Akten, Fotografien und Dokumente aus mehreren staatlichen Archiven.

Absetzung, Verhaftung und Hinrichtung

Im September 1933 wurde Abdrachmanow als Vorsitzender des Rates der Volkskommissare abgesetzt und aus der Partei ausgeschlossen. Danach arbeitete er in Viehwirtschaftsverwaltungen an der Mittleren Wolga und in Orenburg. Die Degradierung schützte ihn nicht vor dem Terror. Am 10. Juni 1937 wurde er verhaftet und nach Frunse gebracht.

Die Ermittler beschuldigten ihn der Mitgliedschaft in einer „Sozial-Turanischen Partei“, einer antisowjetischen Verschwörung und der Verbindung zu nationalen Politikern anderer zentralasiatischer Republiken. In NKWD-Verfahren entstanden solche Organisationen aus beruflichen Kontakten, Freundschaften und unter Folter erzwungenen Aussagen. Abdrachmanow wurde im November 1938 mit anderen Gefangenen hingerichtet und an einem alten Ziegelofen bei Tschon-Tasch heimlich verscharrt.

Unter den Toten waren Imanaly Aidarbekow, Bajaly Isakejew, Kasym Tynystanow und Torekul Aitmatow, der Vater von Tschingis Aitmatow. Das Massengrab wurde erst 1991 entdeckt. Die Opfer wurden in der Gedenkstätte Ata-Bejit neu bestattet.

Rehabilitierung und Rückkehr in die öffentliche Erinnerung

Das Militärkollegium des Obersten Gerichts der UdSSR rehabilitierte Abdrachmanow 1958 und erklärte das Strafverfahren für unbegründet. Seine Parteimitgliedschaft wurde 1989 postum wiederhergestellt. Die öffentliche Anerkennung kam noch später: erst nach der Entdeckung des Grabes kehrte sein Name in Museen, Straßen, Denkmäler und staatliche Gedenkfeiern zurück.

2021 erhielt Abdrachmanow postum den Titel Held der Kirgisischen Republik. Seine Familie übergab das Originaltagebuch dem Nationalen Historischen Museum. 2022 wurde die Akademie für öffentliche Verwaltung beim Präsidenten der Kirgisischen Republik nach ihm benannt.

Die heutige offizielle Sprache nennt Abdrachmanow einen Gründervater. Im unabhängigen Kirgisistan ist diese Bezeichnung nachvollziehbar, sie darf die Widersprüche seiner Biografie aber nicht glätten. Er baute als überzeugter Kommunist eine sowjetische Autonomie auf, widersprach einzelnen Entscheidungen der Zentrale und wurde schließlich von demselben politischen System vernichtet.

Wo Jusup Abdrachmanows Geschichte heute sichtbar wird

Das Nationale Historische Museum in Bischkek ist der beste Ausgangspunkt, weil es das Originaltagebuch verwahrt. Die Ausstellungen wechseln, deshalb sollte man vor dem Besuch prüfen, ob die Handschrift gezeigt wird. Die Abdrachmanow-Straße durchquert das Zentrum von Bischkek und verbindet Museen, Theater und den Eichenpark. Ein Straßenschild allein erklärt jedoch kaum, wer hinter dem Namen steht.

Der wichtigste Erinnerungsort ist Ata-Bejit, etwa 30 Kilometer südlich von Bischkek. Dort steht Abdrachmanows Geschichte neben den Schicksalen der anderen 1938 Ermordeten. Diese gemeinsame Perspektive ist aussagekräftiger als ein einzelnes Denkmal, denn sie zeigt, wie viel von Kirgisistans früher politischer und kultureller Elite in den Säuberungen verschwand.

Eine kompakte Chronologie bietet der Eintrag der Kirgisischen Enzyklopädie. Am besten liest man ihn zusammen mit der Archivausstellung: die Enzyklopädie liefert Daten und Ämter, die Dokumente bewahren die Sprache der Entscheidungen, Zweifel und Anschuldigungen.

Häufige Fragen zu Jusup Abdrachmanow

Wer war Jusup Abdrachmanow?

Jusup Abdrachmanow war ein sowjetisch-kirgisischer Staatsmann, einer der politischen Akteure bei der Gründung der kirgisischen Autonomie und von 1927 bis 1933 erster Vorsitzender des Rates der Volkskommissare der Kirgisischen ASSR.

Warum gilt er als Begründer der kirgisischen Staatlichkeit?

Er arbeitete an Plänen für eine eigene kirgisische territoriale Autonomie, prägte 1924-1926 ihre Institutionen und leitete die erste Regierung der Kirgisischen ASSR. Da dieser Prozess kollektiv war, ist die Bezeichnung einer der Begründer genauer.

Welche Rolle spielte Jusup Abdrachmanow während der Hungersnot?

Seine Regierung verlangte Erleichterungen bei überhöhten Beschaffungsplänen, setzte einen Teil der Getreidereserve für Nahrungsmittelhilfe ein und organisierte Unterstützung für Vertriebene aus dem von Hunger betroffenen Kasachstan.

Warum wurde Jusup Abdrachmanow hingerichtet?

Während des Großen Terrors beschuldigte ihn der NKWD der Mitgliedschaft in einer erfundenen antisowjetischen Organisation und Verschwörung. Er wurde im November 1938 hingerichtet und 1958 vollständig rehabilitiert.

Wo ist Jusup Abdrachmanow bestattet?

Seine sterblichen Überreste wurden mit denen anderer Opfer in Tschon-Tasch gefunden und 1991 in der historischen Gedenkstätte Ata-Bejit südlich von Bischkek neu bestattet.

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